Menschen, deren Wohnungen so aufgeräumt sind, dass sie so aussehen als seien sie geradewegs aus "Schöner Wohnen" entsprungen, sind mir suspekt. Da kommt man herein, es ist minimal möbliert, viel freier Platz, oftmals auch noch in sehr hellen Tönen. Der Kühlschrank so übersichtlich, dass man mit den drei Zutaten, die darin ruhen nicht mal ein halbes Gericht kochen kann, geschweige denn ein komplettes Essen. Die Küche so steril, dass man sich unweigerlich fragt ob hier überhaupt schon einmal gekocht wurde.
Der Tisch ist in der Regel leer, maximal eine minimalistische Blüte in stylischer Vase und man weiß unweigerlich dass es hier weder Kinder noch Tiere geben kann. Meistens gibt es dafür halboffene Regale mit luxuriösem Schnickschnack mit entsprechender Beleuchtung in Szene gesetzt und überdimensionierte Fernsehbildschirme.
Ich frage mich, wo sind die Bücher, Zeitungen, Stifte, ein Getränk, ein Notizblog ... Wo ist das Leben dieser Menschen abgeblieben? Was machen solche Menschen in ihrer Freizeit? Haben solche Menschen überhaupt ein Hobby, wenn ja welches? Ich kennen kaum ein Hobby das nicht ein gewisses Maß an Kreativität erfordert, und das man so einfach wegpacken kann, ohne dass auch nur der Hauch einer Andeutung der Existenz desselben sichtbar wäre.
Ich gebe zu, dass ich mir manchmal denke, dass ich in meine Wohnung eigentlich niemand einladen kann, weil es dort "nie aufgeräumt" ist, aber dann frage ich mich beim Anblick dieser Wohnungen ob es mir wirklich lieber ist, diesen "aufgeräumten" Eindruck meiner selbst und meiner Wohnung, bei anderen zu hinterlassen. Vielleicht ist es nicht so schrecklich wenn Besucher gleich sehen welche Bücher ich lese, dass die schwarz-weisse Katze (mit erhöhtem Weißanteil) sich erst kürzlich auf dem mittelgrauen Sofa gerekelt hat und dabei ein wenig "Weiß" hinterlassen hat, dass in der Küche noch die Pfeffermühle neben dem Salzfass steht und es offensichtlich ist, dass diese auch benutzt wurden, weil sich noch ein paar Salz- und Pfefferkrümel auf der Herdplatte finden, die Olivenölflasche einen kleinen Ring auf der Arbeitsplatte hinterlassen hat und die Pfanne im Spülbecken noch abtropft.
Wahrscheinlich sind diese Dinge völlig unerheblich, viel wichtiger ist es wahrscheinlich, dass ich meine Freunde um mich haben möchte, mit oder ohne aufgeräumte Wohnung. Viel wichtiger ist es dass ich nicht das Gefühl haben sollte mich vor meinen Freunden verstellen zu müssen. Denn würde eine unaufgeräumte Wohnung die Freundschaft wirklich belasten, dann waren es wohl nicht die richtigen Freunde.
Am allerwichtigsten ist es nicht die Wohnung aufzuräumen, sondern in seinem Herzen, damit dort alle Freunde einen Platz finden. Und statt mich für meine unaufgeräumte Wohnung zu entschuldigen sollte ich sie mit der Herzlichkeit begrüssen, die sie verdienen, denn Freundschaft ist eine Herzenssache, manchmal auch ein bisschen unaufgeräumt, weil das Leben nicht immer aufgeräumt ist, und sie gedeiht überall, nicht nur in aufgeräumten Wohnungen.
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