. . . auch wenn mir diese nervigen Spots vermitteln sollen, dass ich "Deutschland bin". Natürlich präsentiert von lauter Damen und Herren aus der Medien- und Sportbranche, gerne auch mal jemand der die "geistige Elite"verkörpern soll - oder was macht Herr Reich-Ranicki da? Also eine repräsentative Bevölkerungsschicht, was sich so an Bekanntheit in Deutschland tummelt. Das Deutschland in dem diese Herrschaften leben dürfte - nur minimal natürlich - von dem Deutschland abweichen, in dem der Rest von Deutschland lebt, oder wie oft laufen Sie über den "roten Teppich" - ausgenommen den in Ihrem eigenen Wohnzimmer - erscheinen in Talkshows oder Medienereignissen?
Wobei ich mir auch noch nicht ganz sicher bin, was denn Deutschland ist. Denn schalte ich den Fernseher ein werde ich mit einer weiteren Version Deutschland konfrontiert die mich grausen lässt und trotzdem eine morbide Faszination auf mich ausübt.
Das Deutschland das mir im TV präsentiert wird ist ein Deutschland, in dem eine Sprache gesprochen wird, die ich kaum verstehe. Das fängt bei Satzaufbau, Grammatik, Vokabular an und hört bei der Aussprache auf. Und das heisst einiges, denn ich bin selber weit entfernt von "perfektem Deutsch". Besonders auffällig ist, dass irgendwann, irgendwo das "ch" verschwunden ist, ersetzt von einem nuscheligen "sch". Das "i" wurde zum hippen "ü", "mir" wurde ersetzt von "misch, bzw. müsch". Die Menschen die mir im TV präsentiert werden verfügen gerne über keinerlei Schulabschluss oder haben keinen "Bock" auf Arbeit, weswegen sie fast ausnahmslos von Hartz IV leben. Sie sind schon als Teenager schwanger - natürlich alle "unverschuldet" - und unwissend welcher von vier pubertierenden Liebhabern als Vater in Frage kommt.
Ganz bestimmt möchte ich nicht Deutschland sein. Nicht dieses Deutschland.
Dann ist da noch das Deutschland der Superstars. Dafür muss man nicht zwangsweise einen Schulabschluß und/oder Job haben, aber es wäre von Vorteil. Auf jeden Fall aber muss man dafür gut aussehen. Was gutes Aussehen ist liegt in diesem Fall aber nicht im Auge des Betrachters. Was gutes Aussehen ist, dafür gibt es Definitionen. Das kann man messen, an Größe, Gewicht, Brustumfang, Taillenumfang, Kleidergröße bis hin zur Augenbraue für die es natürlich auch Schablonen gibt.
Dieses Deutschland möchte ich auch nicht sein.
Ich will aber auch nicht das Deutschland der (A-, B-, C-, D-, ...)-Promis, Politiker und geistigen Elite sein.
Die einen leben uns vor, dass man unmöglich ohne Schönheits-OP irgendetwas im Leben erreichen kann. das Betrügen und Hintergehen von Partnern völlig normal ist. Partner die nicht mehr zum Lifestyle passen dringend durch andere "passendere" ersetzt werden müssen. Andere wissen grundsätzlich einfach alles besser, sind selbsternannte Experten für alles - oder wenigstens so viel wie möglich. Wieder andere sind großartig darin Konzepte für andere zu erarbeiten, von dessen realem Ausmaß sie eigentlich keinen blassen Schimmer haben. Was aber nicht weiter verwundert, wenn sich dann irgendwann herausstellt, dass solche Menschen auch gerne mal Firmengelder veruntreuen, ein Unternehmen in den Ruin treiben und dafür noch fürstlich mit Abfindungen in Millionenhöhe belohnt werden, sich in "Amigo-Affären" verstricken, Lustreisen von Betriebsräten sponsern, für die DM 50 Millionen lediglich "peanuts" sind, und so weiter ... oder die einfach nur berühmt dafür sind, dass sie sich zur richtigen Zeit am richtigen Ort am richtigen Arm von wem auch immer befinden. Eigentlich weiss keiner warum diese Menschen bekannt sind, eigentlich ist es auch egal, solange wir es ihnen ermöglichen davon zu leben, dass wir uns - trotz offensichtlichem Fehlen jeglicher Substanz - dennoch für sie interessieren.
Nachdem ich mich diesem Deutschland auch nicht zugehörig fühle, welches Deutschland bleibt dann noch?
Genau das Deutschland, das man nirgends zu sehen bekommt. Weil es zu langweilig wäre. Das hat einfach keinen Spannungsfaktor, erregt keine Sensationslust, keinen Ekelfaktor, es erweckt keinen Neid und lässt uns auch nicht überlegen fühlen, wenn ganz normale Leute in ganz normalen Familien und Beziehungen in denen man sich mal in die Wolle gerät, oder auch nicht, z.B. ihrem stinknormalen Job in einem Büro nachgehen, einkaufen gehen, kochen, ihren Haushalt machen, ins Kino oder zum tanzen gehen. Sich mit Freunden treffen, gemeinsam essen, ein unspektakuläres Brettspiel spielen. Nicht von Tattoos oder Piercings übersät sind, ganz normale Haustiere wie Hund oder Katze haben. Der Hund aber noch nicht mal einer als Kampfhund klassifizierten Gattung angehört. Die Kinder gehen zur Schule, machen einen Schulabschluß, gehen arbeiten. Kinder bekommt man irgendwann in den Dreissigern und gehört einfach einer großen unsichtbaren Schicht von Menschen an, die einfach nicht auffallen. Noch nicht mal wenn sie eine Neonpinke Jacke tragen würden. Dennoch wünsche ich mir, dass das das eigentliche Deutschland ist. Ein wenig langweilig, ein wenig unspektakulär, weil es keinen Streit unter Nachbarn gibt, egal welcher Nationalität und/oder Religion oder sexuellen Orientierung sie sich zugehörig fühlen. Ein Deutschland, in dem ich genervt sein darf wenn der Hund der Nachbarin im Hausflur kläfft, oder das Baby des jungen Paares unter mir die halbe Nacht durchplärrt, weil diese Dinge nun mal nerven und stören, aber ein Deutschland in dem ich tolerant genug bin, dass ich mich nicht genötigt fühle meinen Nachbarn dies unter die Nase zu reiben, sondern einfach damit zu leben, weil die Nachbarin mit dem Hund einfach herzensgut und lieb ist und der Hund im Grunde auch ein liebes Tier ist. Und das Baby ist süss ist und ich mache selber Lärm, wenn mir irgendwann einmal mitten in der Nacht danach ist ein Bad zu nehmen, oder meine Katzen irgendetwas umgeworfen haben. Vielleicht nerve ich auch auf eine andere Weise, die mir noch gar nicht in den Sinn gekommen ist.
Aber in diesem Deutschland könnte ich vielleicht ganz gut leben und vielleicht bin ich dann auch Deutschland - wenn ich nicht dieses klitzekleine Problemchen mit so einem zur Schau getragenen Nationalstolz hätte. Und dieses Problemchen habe ich nicht nur mit Deutschland. Das macht mir auch in anderen Ländern Bauchweh. Es macht mir Sorgen, wenn unter dem Spaßmail das mir weitergeleitet wurde steht: "God save America". Was ist mit dem Rest der Welt? Oder wenn sich eine Religion - egal welche - auf ihr Banner schreibt, dass alle - ihrer Definition nach - Ungläubigen entweder unterworfen/überzeugt oder ausgelöscht werden müssen. Selbst wenn ich niemals Geschichte in der Schule gehabt hätte müsste mir doch mein gesunder Menschenverstand sagen, dass aus all dem nichts Gutes wachsen kann. Aber auch das hat uns die Geschichte gelehrt: wir lernen selten etwas aus ihr.
Also "pfeif" auf "Du bist Deutschland", lerne erst einmal wer Du bist, bevor Dir irgendjemand sagt wer Du zu sein hast.



Ja!
Kommentiert von: DonParrot | 30. April 08 um 10:56